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Ein Weihnachtsmärchen

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Ein Weihnachtsmärchen
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Hermann und der alte Mann setzten sich an den Tisch. Dieser setzte eine große Hornbrille auf und las mit zitternder Stimme das Weihnachtsevangelium. Andächtig saß Hermann und hörte zu, und Bello spitzte seine Ohren und sah seinen Herrn so klug an, als ob er alles verstände. Die zitternde Stimme des Alten aber hob sich mehr und mehr, und klar und deutlich schloß er mit dem Spruche der Engel: »Ehre sei Gott in der Höh' und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.« Dann kramte er in einem Auszuge herum und brachte eine Flasche Wein und einen großen Kuchen herbei. »Jetzt wollen wir Weihnacht feiern, sagte er, und Kuchen essen und Wein trinken.

Heut ißt alle Welt Kuchen, und Bello bekommt auch welchen . . . das soll uns schmecken, nicht Bello?« Er schenkte den Wein in zwei funkelnde geschliffene Kristallgläser und forderte Hermann auf zu trinken. Wie duftete das. Wie feurig rollte ihm das Blut durch die Adern; es war ihm, als verdufte der Wein ihm auf der Zunge, er glaubte, lauter Geist zu trinken. Wie anders erschien ihm jetzt das ärmliche Gemach des Trödlers. Kostbare Vasen und herrliche Glasgefäße, die er zuvor für zerbrochene Töpfe gehalten, schimmerten an den Wänden. In den Ecken und Winkeln raschelte und huschte es geheimnisvoll; zuweilen schien es ihm, als sähen bärtige Zwergenköpfe hinter den mächtigen, goldverzierten Büchern hervor oder guckten aus den bunten Vasen heraus. Aber, wenn er schärfer hinsah, war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Der Alte hatte sich einen bunten Schlafrock angezogen und eine hohe, spitze Mütze aufgesetzt, so daß er aussah wie ein Zauberer.

»Jetzt besehen wir Bilder«, sagte er und legte einen großen Folianten auf den Tisch. Dann schlug er das Buch auf und berührte die Bilder mit einem bunten Stäbchen. Da war es, als würde alles lebendig.

Wie das lebte und wimmelte; das war ein Weihnachtsmarkt. Da waren Läden mit Spielsachen und bunten Pyramiden. Wie die Lichter schimmerten! Die Menschen gingen und kauften.

Dort standen auch Tannenbäume. Eine arme Frau hatte sich einen ganz kleinen Tannenbaum gekauft. Ihre beiden kleinen Kinder hatten sie ans Kleid gefaßt und waren sehr glücklich; nun bekamen auch sie einen Tannenbaum. Hermann glaubte, das Rufen der Verkäufer und die klagenden Töne der Drehorgel zu hören. Gingen nicht die Leute durcheinander? Das war ja kein Bild, das lebte alles und war wirklich . . . »Umschlagen!« befahl der alte Mann; und Hermann glaubte, einen Zwerg unter dem Blatte zu bemerken, welcher rasch umschlug und dann verschwand, als wäre er in das Bild hinein gekrochen.

Das war ein Seesturm. Wie die Wellen wogten und schäumten! Ein Schiff tanzte auf den Wellen; das Wasser spritzte über das Deck hin.

Das war ein Weihnachtsabend auf dem Meere. An der Leeseite, geschützt vor Wellen und Wind, saßen Matrosen und rauchten und schwatzten miteinander.

Den Arm um den Mast geschlungen, stand aber unbekümmert um Wind und Wetter der braune Schiffsjunge. War es Salzwasser oder waren es Tränen, die sein Gesicht benetzten? Jetzt sprangen seine Geschwister um den grünen, strahlenden Tannenbaum, jetzt dachte seine Mutter an ihn und weinte wohl und betete für den Sohn auf dem weiten, wilden Meer. Es war Weihnachtsabend und er noch so jung.

Ein anderes Blatt ward aufgeschlagen.
 
Das war eine lustige Gesellschaft. Auf dem Tische stand ein Tannenbaum mit vielen Lichtern. Studenten saßen um den Tisch und tranken Punsch; sie wollten auch Weihnacht feiern auf ihre Weise. An dem Tannenbaum hingen allerlei närrische Sachen: Kinderflöten, Hampelmänner und komische Puppen mit großen Köpfen. Drunter lag Papier und Körbe standen umher. Da hatten sie ausgepackt, was ihnen aus der Heimat geschickt war. Briefe und Geschenke waren dabeigewesen von Eltern und lieben Verwandten und wollene Strümpfe und viele Pfeffernüsse.

Der eine hatte eine Mettwurst gefaßt und sah sie an, als wolle er sagen: »Na, du sollst mir schmecken!« Es saß auch einer etwas an der Seite; der hatte eine bunte gestickte Brieftasche in der Hand und küßte sie heimlich. Und es war Hermann, als höre er Gläserklingen und fröhliches Gelächter.

Nun sah er ein trauriges Bild.

Der Vater lag auf dem Sterbebette. Die Mutter hatte die Hände unter seinen Kopf gelegt und hielt ihn, daß er seine Kinder noch einmal sehe. Die standen um das Bette herum und weinten. Es war auch ein kleiner blonder Krauskopf dabei, der weinte recht erbärmlich. Aber er weinte wohl nicht um den Vater, denn sein kleiner Verstand begriff noch nicht, was sterben heißt, er weinte, weil er nicht lachen und springen durfte und weil er keinen Tannenbaum haben sollte, wie die anderen Kinder, und das ist ein großes Herzeleid.



 

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