„Heiligabend fällt dieses Jahr aus!“ Irritiert sah der Weihnachtsmann von dem beeindruckenden Stapel der noch abzuarbeitenden Wunschzettel auf, der wie ein kleiner Berg auf seinem rot lackierten Schreibtisch thronte und musterte den Besucher mißbilligend, der es gewagt hatte, so einfach in sein Büro zu stürmen. Natürlich Vingo, ging es ihm durch den Kopf, während ein tiefer Seufzer seiner Brust entfleuchte. „Was ist denn nun schon wieder?“, fragte er den aufgebrachten Elfen, dessen Kopf gerade einmal über die Tischkante reichte. Aber die mangelnde Größe stand in keinem Verhältnis zu dem aufbrausenden Wesen des Elfen. Seine spitzen Ohren wackelten bedenklich als er Luft holte, um seinen Unmut kund zu tun.

„Die Produktion für Actionfiguren läuft auf Hochtouren“, knurrte er.
„Das hör ich gern“, brummte der Weihnachtsmann, lehnte sich zurück und faltete die Hände über seinem, sich bedenklich spannenden Wams.
„Die Nachtschicht der Zwerge hat einen neuen Rekord im Verpacken von Computerspielen aufgestellt, und im Testlabor wird gerade eine neue Generation von Spielzeugpistolen im Science Fiktion Look zum Verschenken freigegeben.“
„Bestens, bestens“, freute sich der Weihnachtsmann, „und was soll dann der Zwergenaufstand? Entschuldigung“ brummte er, als sein Assistent, der Zwerg Zwolgo, verärgert von seiner Arbeit aufsah. „War nicht so gemeint.“
Dann wandte er sich wieder Vingo zu, der seine beiden Arme aufgebracht in die Seiten gestemmt hatte und den Weihnachtsmann aus Augen, die an grüne Jade erinnerten, fast ein wenig mitleidig ansah.
„Fällt Euch gar nichts auf?“, fragte Vingo. Irritiert sah der Weihnachtsmann sich um. Die Vorbereitungen für den Abend des Jahres liefen auf Hochtouren. Alles lief wie am Schnürchen. Sein Wams war frisch gebügelt, der Schlitten wurde gerade einer Generalinspektion unterzogen und selbst Rudolf das Rentier gab dieses Jahr Ruhe. Was wollte man mehr? Der Weihnachtsmann wußte es nicht und schüttelte daher zögerlich den Kopf. Worauf beim gehörnten Rentier wollte dieser Elf bloß hinaus?
„Seht Euch mal die Wunschzettel an. Wenn Ihr nur einen ernsthaften Wunsch darunter findet, der den Geist der Weihnacht widerspiegelt, striegle ich ab morgen die Rentiere.“
„Nun…“, hub der Weihnachtsmann an, der gerne einen weiteren Rentierstriegler gehabt hätte, zumal Rudolf in letzter Zeit sehr struppig aussah, aber innerlich zugeben mußte, daß Vingo Recht hatte. Die Wunschzettel lasen sich in der Tat allesamt wie eine Bestellliste auf einer fragwürdigen Internetseite für Kriegsbedarf und hatten mit dem Geist der Weihnacht weniger zu tun, als er mit dem Osterhasen. „…die Wünsche von heute sind eben ein wenig anders als früher“, räumte der Weihnachtsmann ein.
„Ein wenig anders? Begreift Ihr es wirklich nicht? Ihr seid für die Kinder von heute nichts anderes mehr als eine Witzfigur! Eine farbenfrohe Scharade, die ohne zu meckern liefern soll. Ein Werbegag für Limonade, ein Relikt längst vergangener Zeiten, an das keiner mehr glaubt, und das wollen wir nicht länger hinnehmen.“
Der Weihnachtsmann war sprachlos.
„Und was ist mit der kleinen Tina?“ hielt er in Erinnerung an eine nicht ganz so stille Nacht Vingo entgegen, der jedoch nur abwinkte.
„Das ist Jahre her“, erwiderte er mit einem Seufzen in der Stimme. „Seit dem ist nichts Vergleichbares mehr passiert. Heute sind wir degradiert zu einem Lieferservice.“
„Was gedenkt ihr Elfen dagegen zu tun?“, fragte der Weihnachtsmann frustriert. „In den Streik zu treten? Die Produktion auf Holzeisenbahnen umzustellen oder eine Lebkuchenfabrik aufzumachen?“
„Falsch, nicht wir, sondern Ihr werdet etwas unternehmen müssen, wenn Ihr wollt, daß Weihnachten heute nicht ausfällt.“
„Ich“, ächzte der Weihnachtsmann, „habe heute jede Menge Termine. Schlitteninspektion, Rentierprobeflug, Routenplanung und so weiter. Du kennst das ja. Da ist kein Platz für zusätzliche Marketingaktionen.“
„Ts, ts, ts“, bemerkte Vingo ironisch, der den sich windenden Weihnachtsmann betrachtete, als habe er ein störrisches Kind vor sich, während er aus den Tiefen seiner grünen Kleidung einen Stab hervorholte. Er versprühte kleine Leuchtsterne. „Die Belegschaft hat entschieden“, verkündete er in energischem Ton, während der Weihnachtsmann in seinem roten Wams zu schwitzen anfing. Das Ganze klang nicht gut.
„Ihr wollt auf dem Schlitten mitfahren?“, versuchte er, die Situation zu retten, während er in böser Vorahnung den Stab nicht aus den Augen ließ. Vingo schüttelte den Kopf und betrachtete Zwolgo mit einem vernichtenden Blick, der bei der Frage erfreut mit dem Kopf genickt hatte und nun plötzlich ein feuriges Interesse für die noch zu bearbeitende Post entwickelte. So eifrig hatte Vingo den Zwerg selten erlebt.

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