Die Stadt lag unter einer weißen Puderschneedecke, auf der sich das Licht der unzähligen Weihnachtsbeleuchtungen tausendfach widerspiegelte und sie wie einen Diamanten funkeln ließ. Es war der Weihnachtsabend. Schnee rieselte in dicken Flocken wie in einem Weihnachtsmärchen sanft vom Himmel herab und ließ die Herzen der Menschen höher schlagen. Naja, vielleicht nicht aller Menschen. “Das wird einen schönen Stau geben”, murmelte Tim, der aus seinem Luxuspenthouse hoch über den Dächern der Stadt dem Schneetreiben mißmutig zusah. Mit seinen vierzig Jahren war er am Zenit seiner Karriere angekommen. Als Geschäftsführer einer renommierten Firma für modernste

 

 

Computertechnologie verdiente er mehr, als er es sich je erträumt hatte, besaß diverse Immobilien, Sportwagen und ein sattes Aktienpaket. Er galt als nüchtern, pragmatisch, durchsetzungsstark und emotionslos. Seine Gegner fürchteten ihn, und seine Angestellten sahen in ihm das Musterbeispiel eines Karrieremannes, der sein Leben ausschließlich der Arbeit gewidmet hatte. Böse Zungen behaupteten, er würde sogar am Weihnachtsabend lieber den Quartalsbericht lesen, anstatt das Fest zu begehen. Sie ahnten nicht, wie Recht sie damit hatten.
Mit einem Ruck zog Tim den Knoten seiner handgefertigten Seidenkrawatte zurecht und betrachtete sein Ebenbild in der Panoramascheibe, hinter der die gigantische Dachterrasse lag. Zufrieden, mit dem was er sah, nickte er. Das dunkle Haar lag perfekt gestylt, die Krawatte, die vorbildlich gebunden war, bildete einen eleganten Kontrast zu dem blütenweißen Hemd, und der zweitausend Euro teure Anzug saß so, wie man es von einem Anzug dieser Preiskategorie erwarten konnte.
Sein Blick fiel auf den von einem namhaften Designer handgearbeiteten, riesigen Wohnzimmertisch. Ein paar Wirtschaftszeitschriften, der letzte Quartalsbericht ein gußeiserner Aschenbecher aus dem siebzehnten Jahrhundert, ein Glas Wasser, ein Edelhandy der neuesten Generation sowie ein Briefumschlag eines auf Luxusreisen spezialisierten Reisebüros leisteten sich auf der großen Fläche Gesellschaft. Tim ging zum Tisch hinüber, nahm den Briefumschlag hoch und steckte ihn in die Innentasche seines taubenblauen Anzugs.

Die Fidschis zu Weihnachten.
Was wollte man mehr?
Innerlich bemitleidete er all die Menschen, die sich in diesem Moment mit Weihnachtsvorbereitungen abplagten, Geschenke verpackten, nadelnde Bäume schmückten oder gerade feststellten, daß echte Kerzen und trockene Bäume nicht gerade die ideale Kombination bildeten, quengelnde Kinder beruhigten und das Essen für eine ganze Kompanie von streitsüchtigen Familienmitgliedern vorbereiteten.
Streß in höchster Potenz!
Sollten sie sich doch alle der Illusion eines gelungenen Abends hingeben. Er würde dann schon längst hoch über all den Illusionisten einem entspannenden Urlaub entgegen schweben. Natürlich erster Klasse. Ein Blick auf seine sündhaft teure Armbanduhr bestätigte ihm, daß es an der Zeit war, die letzten Vorbereitungen zu treffen. Mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht begab er sich in das Ankleidezimmer hinüber, um die letzten Sachen einzupacken.
Konnte das Leben besser sein?

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