Da sind im tiefen Wald einmal fünfundzwanzig schöne Tannebäumchen gewesen. Denen hat es nicht mehr gefallen im grünen Wald, und sie haben gesagt: “Jetzt wollen wir in die weite Welt gehen. Der Wald ist uns zu grün, der Wald ist uns zu tief.” Und in einer Nacht, da heben die fünfundzwanzig Tannenbäumchen Ihre Wurzeln aus der Erde genommen und sind in die weite Welt gegangen. Was waren das dumme Tannenbäumchen! Aber sie sind noch so jung gewesen und haben gemeint, in der weiten Welt wäre es schöner als im dunklen, grünen, tiefen Wald.

Und wie sie so durch die weite Welt gingen, da hatten sie auf einmal Hunger. Und sie sind in der Stadt in ein Gasthaus gegangen und wollten etwas zu essen haben. Da hat der Wirt Ihnen eine Erbsensuppe gebracht. “Oh weh!” haben die fünfundzwanzig Tannenbäumchen gesagt, “gibt es denn hier keinen Tau?”

“Nein, den gibt es nicht in der weiten Welt.”

Da haben die Tannenbäumchen die Erbsensuppe stehen lassen und sind weitergegangen. Und sie sind an ein Haus gekommen, daraus roch es so schön nach Tannenharz, und die fünfundzwanzig Tannenbäumchen sind nur sie herumgesprungen vor Freude. Und dann haben sie an die Haustür geklopft. Und wie der Mann von dem Haus herausgekommen ist, da haben sie ihn gefragt:

Mann vom Häuschen Tannenharz

Können wir nicht bei Dir wohnen?

Wir wollen gern Dein Häuschen kehren

Deine kleinen Kinder lehren,

Erzählen von dem grünen Wald,

Und im Winter, wenn es kalt,

Dir den Ofen schüren.

“Ei ja” hat der Mann gesagt, “kommt nur hereinspaziert, zum Ofenschüren kann ich Euch gerade brauchen.” Und er hat die Türe weit aufgemacht.

Da haben die Tännchen hineingeschaut in das Häuschen, da war das Haus eine Sägemühle. Da haben die Tännchen gesehen, wie in der Sägemühle die schönen dicken Tannen zersägt wurden. Und wie sie das gesehen haben, da sind sie schnell davongelaufen, die fünfundzwanzig Tännchen. Die ganze Nacht sind sie gelaufen. Und am Morgen sind sie so hungrig gewesen und so durstig, dass sie beinahe nicht mehr gehen konnten. Und da haben sie sich ein bisschen auf die Straße gesetzt und haben geweint, dass sie nicht mehr im tiefen Walde waren. Und wie sie so an der Straße hockten, da ist ein Schutzmann gekommen, der hat gesagt:

“Hier darf man nicht stehen bleiben!” und er hat sie fortgejagt.

Und die armen Tannenbäumchen sind schnell über den Zaun gesprungen in einen Garten. Da ist gleich der Gärtner gekommen und hat gesagt:·

“Ei, Euch kann ich gerade brauchen! Ich will mir eine feine Tannenhecke machen!”

Und er hat geschwind eine Schaufel und eine große, große Schere geholt. Wie aber die Tännchen die große Schere gesehen haben, da haben sie sich sehr gefürchtet und sind wieder davongelaufen, sind den ganzen Tag gelaufen. Und in der Nacht hat es geschneit. Da ist es Winter gewesen. Und die armen Tännchen haben an ihren schönen Wald gedacht und haben gesagt: “Jetzt wollen wir wieder in den tiefen grünen, dunklen Wald. Da gehen jetzt die Zwerge zwischen den Tannen her und Frau Holle bestreut den grünen Wald mit weißem Schnee!” So haben sie gesagt und dann sind sie wieder umgegangen. Aber jetzt konnten sie den Wald nicht mehr finden, weil die Wege alle verschneit waren. Und sie haben sich auf ein Feld gesetzt und haben gelbes Harz geweint.

Und wie sie so geweint haben, da ist der Knecht Ruprecht dahergekommen. Der ist in der Stadt gewesen und hat des Abends durch die Fenster geguckt, ob die Kinder auch artig wären. Und er hat zu den fünfundzwanzig Tannenbäumchen gesagt:

“Was macht ihr denn so spät noch alleine auf der Straße?”

“O guter Knecht Ruprecht”, haben die Tannenbäumchen gesagt, “wir sind aus dem grünen Wald in die weite Welt gegangen, und nun ist die weite Welt so hässlich, darum wollen wir wieder in unseren Wald. Aber nun finden wir den Weg nicht mehr!”

“Ja”, hat der Knecht Ruprecht gesagt, “das geschieht euch gerade recht. Warum seid ihr nicht in dem schönen grünen Wald geblieben? Aber der Wald ist weit und dahin kommt ihr jetzt doch nicht mehr zurück. Darum will ich Euch mitnehmen!” Und der gute Knecht Ruprecht hat alle in seinen großen Sack gesteckt, hat den Sack wieder auf seine Schulter getan und ist in den Himmel gegangen. Da haben ihm die Engel den Schnee vom Mantel abgeklopft, haben ihm die Stiefel ausgezogen und ihm dicke warme Pantoffeln gegeben. Damit ist der Knecht Ruprecht zum Christkind gegangen, hat die fünfundzwanzig Tannenbäumchen aus dem Sacke auf die Erde geschüttelt und hat gesagt:

“Hier, heiliges Christkind, hab ich dir ein paar Christbäume mitgebracht. Die sind fortgelaufen aus dem Wald und haben sich in der weiten Welt verirrt.”

Da hat sich das Christkind sehr gefreut. Und wie Weihnachten war, da hat es die fünfundzwanzig Tännchen alle mitgenommen, hat mit seinen Engelchen bunte Kügelchen drangehängt und rotgelbe Äpfel und viele Kerzen darauf gesteckt. Und da sind die fünfundzwanzig Tännchen Christbäume gewesen. Und das Christkind hat sie den Kindern gebracht. Da haben sich die Kinder gefreut, da haben sich die Tännchen gefreut.

Aber wie Weihnachten vorbei gewesen ist, da waren die Kerzen abgebrannt. Da sind die bunten Kugeln fortgenommen worden von den Bäumchen, da sind die grünen Nadeln abgefallen von den Zweigen. Und die Tannenbäumchen sind in den Keller geworfen worden. Und keiner hat mehr an sie gedacht. Nur die Großmutter vom alten Haus, die hat ihre Märchenbrille auf die Nase gesetzt. Und da hat sie gesehen, wie die armen Bäumchen in den Kellern gelegen haben und traurig waren. Und sie hat ihr Hütchen aufgesetzt und ist zu den Leuten gegangen und hat ihnen alle Tannenbäumchen abgekauft. Da freuten sich die Tännchen, dass sie wieder zusammen waren. Und die Großmutter hat ihnen die trockenen Zweige abgeschnitten und da waren die fünfundzwanzig Tännchen fünfundzwanzig schöne lange Bohnenstangen.

von Wilhelm Mathiessen


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